Kind ist begabt, Ist mein Kind begabt?, Begabung

Der Familienratgeber: Begabung – ist mein Kind begabt?

20. Mai 2016

Viele Eltern kennen das. In der Krabbelgruppe, beim Treffen mit Bekannten, vor dem Schultor: „Leo kann schon krabbeln! Er ist wirklich früh.“ – „Lina ist ja so musikalisch. Du solltest sie mal das Eiskönigin-Lied singen hören. Das Talent hat sie von Ihrem Opa! – „Luca ist ein echtes Mathe-Genie. Er rechnet jetzt schon bis 100.“

Eltern freuen sich und sind stolz, wenn ihr Kind etwas Neues lernt oder etwas besonders gut kann. Das ist auch gut so, denn wie schade wäre es, wenn Eltern nicht die Fortschritte ihres Kindes bemerken würden oder sich nicht mit ihm über den Lohn einer Anstrengung freuen würden.

Manchmal aber hat man das Gefühl, dass eine Art Wettbewerb besteht: Mein Kind ist weiter entwickelt, schlauer, sportlicher, musikalischer, kreativer usw. Dann tut es gut, mal ein wenig Abstand zu nehmen. Eltern mit mehreren Kindern wissen, wie aufgeregt und manchmal auch besorgt sie beim ersten Kind waren: „Ist es altersgerecht entwickelt? Wieso spricht das Nachbarskind schon viel besser?“ Ab dem zweiten Kind ist man meist etwas entspannter. Denn man weiß, dass das Kind es bald auch lernen wird und sonst die Kinderärztin eine gute Ansprechpartnerin ist.

Frühe Entwicklung – besonderes Talent?

Ob aus Leo mal ein Fußballer wird, wie sein Vater es voraussagt? Vielleicht hat er wirklich das sportliche Talent seines Vaters geerbt. Vielleicht hat er aber auch einen Entwicklungsvorsprung, den die anderen Kinder irgendwann einholen. Babys und Kleinkinder entwickeln sich unterschiedlich schnell. Ein paar Lebensmonate sind in diesem Alter viel Zeit. Solange bei der ärztlichen Untersuchung alles im Rahmen ist, sollte man sich nicht zu viel Sorgen machen oder gar mit den Kindern intensiv üben. Erst wenn ein Kind körperlich entsprechend entwickelt ist, kann es den nächsten Schritt in seiner Entwicklung machen. Seine Umgebung kann ihm dazu die passenden Anreize geben: Gelegenheit zu Spiel und Bewegung, gemeinsame Beschäftigung und viel Zuwendung. Ob Leo besonders sportlich und Lina sehr musikalisch ist, wird sich zeigen. Bis dahin schadet es nicht, ihnen altersgerechte Angebote ohne Drill zu ermöglichen.

Schlaues Köpfchen oder gar Genie?

Sportliches, musikalisches oder künstlerisches Talent – das alles ist nur begrenzt messbar. Wer legt fest, was künstlerisch wertvoll ist? Was an den außergewöhnlichen Leistungen ist Talent, was liegt an viel Übung und guter Förderung?

Wie schlau jemand ist, kann man dagegen sehr gut messen. Allerdings auch erst ab dem Schulalter. Intelligenztests sind zuverlässige Messinstrumente, die, fachmännisch durchgeführt, sehr gut sagen können, wie begabt ein Mensch ist. Auch hier spielen die Gene und die Umwelt eine Rolle: Welche Begabung hat das Kind geerbt und ist es auch gut gefördert worden? Auch gute Begabung kann sich nicht ohne Förderung entfalten. Aber ein Kind kann auch nicht zum Genie gefördert werden, wenn es nicht die Voraussetzungen dazu hat.

Luca wird vermutlich eine gute Begabung haben und Menschen, die ihn fördern – eine kompetente Lehrerin, die gut erklärt und ihm die Freude am Rechnen vermittelt, und Eltern, die ihn loben, wenn er etwas Neues gelernt hat. Ob er nun ein Mathe-Genie ist – ist das so wichtig?

Begabung: Mein Kind ist toll!

Manchmal hat man den Eindruck, es besteht ein Zwang, das tollste Kind zu haben. Vielleicht ist es gut, sich einmal davon frei zu machen. Ist es nicht egal, ob nun Leo oder Luis das Tor schießt und ob die Fußball-Bambinis gewinnen? Hauptsache, sie waren mit Spaß dabei! Wenn Linas Mutter von ihrer Tochter erzählt, die so schön das Elsa-Lied singt – warum nicht einfach antworten: „Meine Tochter mag die Filme auch sehr gern“ statt „Meine Tochter malt so toll“ oder „Sie kann auch gut singen.“ Lassen wir den anderen die Freude und den Stolz und freuen uns an den Besonderheiten unseres eigenen Kindes, denn jedes Kind ist besonders, egal wie begabt.

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Christiane
Autor

Christiane

Dr. Christiane Alvarez ist Diplom-Psychologin und Mutter von zwei Kindern. In ihre Beiträge fließt die mehrjährige Erfahrung aus der Beratung von Familien, ErzieherInnen und Lehrkräften ein.

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