Mama-Streit: Darf ich meine Emotionen vor den Kindern zeigen?

14. März 2016

Katharina The Nachtsheim Session - Part One12.2.2014@ Niels Starnick

Es gibt ja so Tage, an denen alles sch***e läuft. Schon morgens fällt der Kaffeebecher auf wichtige Unterlagen um, man stellt fest, dass kein Brot für die Kita mehr da ist und die Kinder zoffen sich seit dem Moment, in dem sie die Augen aufgeschlagen haben. Genau so einen Tag hatten wir neulich – nur, dass es kein einzelner Tag war. Eine ganze Woche lang schien der Wurm drin zu sein. Da kann Mutter noch so ein dickes Fell haben, irgendwann reicht’s und die Laune ist im Keller. Besonders das ewige Gestreite meiner Kinder strapazierte meine Nerven enorm. Am liebsten hätte ich mich aufs Sofa gesetzt, die Beine angezogen und losgeheult. Doch das tat ich nicht. Ich stapfte aus dem Raum, rannte ins Badezimmer, setzte mich auf den Badewannenrand und heulte. Nach ein paar Minuten ging´s wieder und ich ging ins Wohnzimmer zu den Kindern zurück. Bevor ich die Tür öffnete, atmete ich tief durch. Einmal, zweimal. Dann hatte ich die Kraft, ihnen in einem ruhigen Ton zu sagen, dass ich es unerträglich finde, wie viel sie streiten und dass mich das traurig macht. Die beiden guckten bedröppelt, versprachen Besserung. Abends, als ich sie ins Bett brachte, frage mich meine Große mit Sorgenfalten auf der Stirn: „Bist Du immer noch traurig, Mami?“ Meine Message war also angekommen, ohne dass ich tränenüberströmt vor ihnen stand. Das – so glaube ich – würde die Kinder nämlich überfordern. Ich kann mich daran erinnern, dass ich meine Mutter ein paar Mal weinen gesehen habe. Als Kind war das für mich wie der Weltuntergang. Bis zu einem gewissen Alter sind Eltern für Kinder einfach die unumstößlichen, starken Wesen, die sie beschützen. Dass Eltern auch nur Menschen mit Schwächen sind, verstehen Kinder meist erst später. Das heißt nicht, dass Kinder nicht begreifen können, dass ihr Verhalten andere Menschen verletzt. Doch um ihnen das zu erklären, sollte man ruhig sein und keinen Weinkrampf haben.

Meine Antwort auf die Frage: „Wieviel Emotionen dürfen Eltern vor Kindern zeigen“ ist also zweigeteilt. Alle positiven Emotionen dürfen ungefiltert raus. Natürlich kann ich mein Kind durch Begeisterung mitreißen. Natürlich fühlt sich mein Kind wohl, wenn ich sichtlich Freude empfinde. Alle positiven Emotionen können das Selbstbewusstsein der Kinder nur stärken.

Bei negativen Emotionen dagegen spielt, wie ich finde, das Alter des Kindes eine wichtige Rolle. Meine Kinder sind mit 5 und 2 Jahren noch relativ klein. Trauer, Wut, Angst und Traurigkeit versuche ich, soweit es geht, vor ihnen zu verbergen. Weil ich glaube, dass sie meine eigene Instabilität nur verunsichern würde.

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Wer mich kennt, der weiß: Ich bin ein Bauchmensch. Ich höre gern auf meine Gefühle und wenn mir mein Gefühl sagt „Mach das“, dann mach ich das auch meist. Auch meine Kinder kennen mich als emotionalen Menschen. Sie wissen, wie ich mich freuen kann, sie wissen, wie ich mich ärgern kann, sie kennen die ganze Palette der Emotionen an mir. Und das finde ich gut so, denn ich möchte nicht, dass sie mit einem gefühlskalten Roboter aufwachsen. Ich möchte nicht, dass sie denken, man könne Emotionen – in welche Richtung auch immer – einfach unterdrücken und runter schlucken. Sie dürfen lernen, dass Gefühle in Ordnung sind und man sie rauslassen darf, auch als Erwachsener. Mir ist es wichtig, ihnen zu zeigen, dass es Höhen und Tiefen gibt, Freuden und Enttäuschungen. Sie dürfen mich auch verletzlich sehen, denn sie dürfen wissen, dass ihre Mutter keine Heilige ist – sondern einfach ein Mensch.

Unsere große Tochter hat mittlerweile feine Antennen für meine Stimmung. Sie merkt sofort, wenn ich angespannt bin oder gestresst oder traurig. Sie fragt mich, ob alles gut ist, wenn sie so etwas bemerkt, das imponiert mir. Und ja, sie dürfen mich auch weinen sehen. Als ein Freund von uns viel zu jung starb, gab es ein Lied, bei dem ich immer wieder schluchzen musste, wenn es im Radio kam und wir gemeinsam im Auto saßen. Für unsere Kinder war das nichts Besorgniserregendes, sie fanden es eher nervig: „Boah Mama, musst Du etwa schon wieder weinen?“ Dafür kennen sie mich aber auch glücklich! Im Wohnzimmer zu lauter Musik tanzend. Sie in die Luft werfend und drückend. Was übrigens viel häufiger vorkommt als das Traurigsein, weil ich ein sehr optimistischer Mensch bin.

Neulich eskalierte aber mal wieder ein vorpubertärer Anfall meines Mittleren. Er wütete und schimpfte, machte Sachen kaputt – aber nicht nur das: Er brachte auch seine Geschwister zum Weinen, weil er ihnen Beinchen stellte, sie schubste. Mir reichte es! Ich fing sehr theatralisch an zu heulen. Mit lautem Aufjaulen und auf die Treppe setzen und den Kopf auf die Knie legen. Buhuuu. Ja, das war ein bisschen übertrieben. Aber ich musste ihnen einfach zeigen: Ich will das so nicht mehr! Und siehe da: Alle Kinder steckten ihre Köpfe aus den Türen und merkten: Ooops. Da sind wir wohl ein bisschen zu weit gegangen. Nicht falsch verstehen: Ich halte das nicht für gute Erziehung. Aber ich wusste mir in dem Moment nicht anders zu helfen. Ich musste ihnen zeigen, dass auch ich Grenzen habe, ich, die sonst Nerven wie Stahlseile hat. Der Nachmittag der darauf folgte, war ein sehr ruhiger. „Mama, alles okay?“ „Ja, jetzt ist wieder alles okay. Aber wenn ihr geärgert werdet, weint ihr ja auch manchmal“. Das Schönste ist ja, ihnen zu zeigen, dass nach Regen auch wieder Sonnenschein kommt. Das nicht die Welt zusammenbricht, wenn mal ein Erwachsener traurig ist. Dass manchmal einfach ein paar Tränen rausmüssen, um sich danach wieder gut zu fühlen. Sie wissen, dass ich immer wieder aufstehe. So wie sie auch immer wieder aufstehen, wenn etwas ungerecht, gemein oder ganz und gar nicht nach ihren Vorstellungen war.

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SCHLAGWORTE:

Katharina
Autor

Katharina und Lisa

Als drittes von fünf Kindern war Katharina immer klar: Sie will selbst auch eine große Familie haben. Mhhhh - doch dann kam zuerst das Studium, eine Ausbildung und schwupps war sie Ende 20, als ihre Tochter geboren wurde. Heute ist sie, Katharina, 33. Im Januar kam Baby Nr. 2 , der Traum von der Großfamilie besteht immer noch. Und weil die ja nicht nur von Luft und Liebe leben kann, arbeite sie als Journalistin mit Themenschwerpunkt... genau: Familie. Lisa ist 32 und beschäftigt sich, seit sie Mutter dreier Kinder ist, natürlich oft und viel mit Familienthemen. Um nicht ihrem gesamten Freundeskreis mit Kinder-Anekdoten zu nerven, schreibt sie in vielen Ecken und Enden des Internets darüber, z.B. bei www.nusenblaten.de oder www.stadtlandmama.de. Mit Kindern, Mann, Großeltern und vielen Tieren lebt sie direkt am Waldrand. Ihre eigene Kindheit verbrachte sie vor allem auf dem Fußballplatz, auf dem ihr Bruder kickte, während sie mit dem Einrad drumherum kurvte... Gemeinsam schreiben Katharina und Lisa unsere Kolumne "Mama-Streit".

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