Städtetrip: Brügge sehen und lieben

23. April 2015

Jeder, dem ich im Vorfeld davon erzählt hatte, dass mein Freund und ich dieses Jahr im März nach Brügge reisen wollten, riss die Augen weit auf und brachte nur noch ein verzücktes „Oooooohhhh, wie schöööön!” heraus. Teils, weil er schon selbst da war und uns direkt viele Seightseeing-Tipps geben konnte; teils weil er die Stadt über den Kultfilm „Brügge sehen und sterben” mit Collin Farrell kannte. Dieser Film war natürlich auch uns im Vorfeld gut bekannt und so war die Erwartungsmesslatte dementsprechend sehr hoch, als wir uns Ende März zu unserem Wochenendtrip in die belgische Stadt aufmachten.

Und Brügge hielt die gesamten drei Tage, was uns Freunde und Film versprochen hatten: Es ist eine wunderschöne mittelalterliche Stadt, die von Grachten durchzogen ist und viele pittoreske Gassen, gemütliche Plätze und grüne Parks bietet. Die Häuser sind noch alle original aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Dank des deutschen Offiziers Immo Hopmann, der sich im zweiten Weltkrieg dem Befehl verweigert hat, Brügge zu bombardieren, ist diese Stadt noch so gut erhalten und die Häuser mussten nach Kriegsende nicht neu erbaut werden. Vor allem kann man Brügge perfekt innerhalb eines Wochenendes sehr gut und entspannt erkunden, ohne in diesen typischen „Städtetrip-oh-mein-Gott-wie-soll-ich-es-nur-schaffen-alles-zu-sehen?”-Stress zu verfallen.

Die Hauptsehenswürdigkeiten kann man sogar in einem Tag ganz gechillt ablaufen. Wir hatten Glück und Brügge begrüßte uns am Freitag bei unserer Ankunft mit strahlendem Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen. Nachdem wir unsere Koffer in dem absolut niedlichen und empfehlenswerten kleinen Hotel „Gulden Vlies” abgestellt hatten, ging es auch direkt los zum Marktplatz. In Brügge kann man alles super zu Fuß bewältigen. Öffentliche Verkehrsmittel – bis auf eine Grachtenfahrt 😉 – haben wir nie gebraucht. Den Marktplatz kann man wirklich nicht verfehlen, denn schon von weitem sieht man den 83 Meter hohen Turm des Belfrieds. Der Belfried ist weder ein Kirch-, noch ein Wehrturm. Vielmehr wurde er im Mittelalter als ein selbstbewusstes Symbol für Brügge erbaut. Leider standen sowohl am Freitag, als auch am Samstag so viele Menschen für die Erklimmung der 366 Stufen zum Turm an, dass wir uns dagegen entschieden haben, Brügge von oben zu sehen und haben unsere Tour weiter unten am Boden fortgeführt.Staedtetrip_Bruegge_9

Als erste „Amtshandlung” haben wir uns belgische Pommes geholt, uns eine gemütliche Sitzgelegenheit auf dem Marktplatz gesucht und das Treiben der vielen internationalen Touristengruppen beobachtet. Denn das muss man wirklich ganz ehrlich zugeben: Brügge ist definitiv kein Geheimtipp, sondern übervölkert mit japanischen, amerikanischen, britischen sowie französischen Touristen. Am Freitag fanden wir das Menschenaufkommen noch so gerade vertretbar, am Samstag jedoch wurde es selbst meinem Freund und mir irgendwann zu viel und wir kamen uns vor wie in einem riesigen überfüllten Freileichtmuseum. Von Einheimischen war weit und breit keine Spur mehr zu sehen.

Aber wie gesagt, der Freitag war herrlich sonnig und noch nicht so Touri-überfüllt, weswegen wir nach dem Marktplatz auch direkt weitergezogen sind zur Burg. Nein – dies ist keine Burg im herkömmlichen Sinne, sondern ein Platz, der das Rathaus, die alte Kanzlei sowie die Basilika des Heiligen Blutes beheimatet. In der Basilika wird der Legende nach die Reliquie des Heiligen Blutes aufbewahrt. Aus diesem Grund findet auch jährlich an Christi Himmelfahrt die Heiligblut-Prozession statt. Das innere der Basilika ist wirklich atemberaubend schön, mit vielen prunkvollen Bildern und goldenen Figuren.Staedtetrip_Bruegge_11

Nachdem wir uns ein bisschen durch die Gassen haben treiben lassen und uns gar nicht an den vielen süßen Hutzelhäusern, mit ihren Verzierungen, Gottesfiguren und Ornamenten, satt sehen konnten, sind wir am Rozenhoedkaai gelandet. Dieser liegt am Ende des Huidenvettersplein, oder auch Gerberplatzes (viele gemütliche Restaurants mit Fisch- und Meeresfrüchte-Spezialitäten! Bei schönem Wetter tummeln sich die Menschen draußen vor den Restaurants und die vielen Künstler auf dem Platz haben mich direkt an Montmartre in Paris erinnert) und bietet einen wundervollen Blick auf die Grachten, die mittelalterlichen Häuser sowie den Belfried. Nachdem auch wir zig Bilder geschossen hatten, verriet uns auch unser Reiseführer, dass dies der meist fotografierteste Ort Brügges ist…. Na gut, Individualtourismus machen wir dann halt wieder beim nächsten Mal 😉Staedtetrip_Bruegge_13

Vorbei am Groeningemuseum (auch hier haben wir uns auf Grund des schönen Wetters gegen einen Besuch der Bilder von flämischen Expressionisten und modernen Werken entschieden), sind wir weiter zum Beginenhof geschlendert. Dabei sind wir durch den Arentshof und über die Bonifaciusbrücke gekommen. Und auch hier bin ich vor Euphorie fast ausgeflippt, weil auch dieser Ort so schön ist. Manchmal war es mir sogar schon fast zu kitschig und romantisch – aber geht davon wirklich zu viel? 😉 Auch, wenn die Bonifaciusbrücke ebenfalls so aussieht, als wenn sie aus dem 14. Jahrhundert stammen würde, so ist diese dann doch tatsächlich mal ein Fake-Bauwerk und wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet. Aber das hat unserer Freude über diesen verwunschenen Ort keinen Abbruch getan und so mussten natürlich auch wir alles im Bild festhalten. Wenn ihr über die Bonifaciusbrücke gegangen seid, müsst ihr unbedingt in die Liebfrauenkirche hineingehen! Hier könnt ihr die weltberühmte Madonna mit Kind von Michelangelo sehen! Mein Freund und ich waren ziemlich baff, welch Weltkunstwerk hier einfach recht unscheinbar und unbewacht in der Kirche steht.

Als wir dann am Beginenhof angelangt waren, begrüßten uns vor den Toren des Hofes erstmal zahlreiche Schwäne und Enten, die es sich auf den Grünflächen rund um die Grachten gemütlich gemacht hatten. Innerhalb des Klostergartens, der mittlerweile zum Weltkulturerbe gehört und nach wie vor von Benediktinerinnen wird, sahen wir erstmal nur gelb. Ein Blumenmeer aus knallgelben Osterglocken erstrahlte im Innenhof und ließ so wirklich keinen Zweifel mehr daran, dass der Frühling da ist. Staedtetrip_Bruegge_17

Wir hatten also einen sehr genialen ersten Tag in Brügge und machten uns abends ausgehungert auf Restaurantsuche. Hierbei muss ich erwähnen, dass wir beide Vegetarier sind, was unsere Suche sehr schwierig gestaltet hat. Leider ist das fleischlose Essen anscheinend noch nicht wirklich in der Brügger Gourmetküche angekommen, denn überall sahen wir nur Fleisch- und Fischgerichte auf den Speisekarten. Brügge hat eine sehr hohe Dichte an Sterne-Küchen und man kann somit eigentlich sehr gut, wenn auch sehr teuer, essen gehen, nur leider blickten wir als Vegetarier etwas hilflos in die „Back”-Röhre. Auch als wir bei Tripadvisor nach vegetarischen Restaurants geschaut haben, wurden uns hauptsächlich nur Locations angezeigt, die ein paar fleischlose Gerichte im Programm hatten, diese bestanden dann aber aus Salat oder Pizza. Willkommen in den 90ern, als es noch total verrückt war, kein Fleisch zu sich zu nehmen… L Diese beiden negativen Essenserfahrungen dämpften leider sowohl am Freitag- als auch am Samstagabend unsere sonst durchweg positive Meinung über Brügge. Denn was gibt es eigentlich Schöneres, nach einem so tollen Tag wie wir ihn hatten, abends noch gemütlich bei einem leckeren Essen und guten Glas Rotwein zusammen zu sitzen und den Tag Revue passieren zu lassen? Besonders ärgerlich war, dass wir dann auch für die viel zu kleinen Salate und die schlechte Pizza viel zu viel Geld ausgegeben haben. Wer also doch noch gute vegetarische oder vegane Essensgeh-Tipps für Brügge hat: Ich freue mich sehr über Eure Kommentare hier unter dem Artikel! J

Aber egal, von dem dürftigen Essensangebot haben wir uns natürlich auch nicht am zweiten Tag unserer Reise die Laune verderben lassen. Auch nicht davon, dass uns nun keine strahlende Sonne, sondern ein tristes grau in grau mit feinem Sprühregen vor die Augen kam, als wir die Vorhänge in unserem Hotelzimmer zurück zogen. Für den Samstag hatten wir uns eine Tour durch das weniger touristische Brügge vorgenommen. Die super nette Hotelbesitzerin hat uns noch mit Regenschirmen sowie einem guten Café-/Kneipentipp ausgeholfen und dann machten wir uns auch schon wieder auf den Weg.

Gott sei Dank hörte der Regen schnell auf, so dass ich auch beide Hände zum Fotografieren frei hatte. Da mein Freund und ich es aus Münster gewohnt sind, dass eine Promenade die Stadt umgibt, auf der man Fahrrad fahren oder joggen kann, wollten wir die Brügger Stadtwälle erkunden. Diese grüne Lunge führt ebenfalls einmal komplett um den Stadtkern von Brügge herum. Auf ihr kann man noch vier sehr gut erhaltene Windmühlen aus dem Mittelalter besichtigen. Nachdem wir ja am Freitag auf Grund des bombastischen Wetters alles an Museen links liegen gelassen hatten, war uns nun nach ein bisschen Kultur – und auch Wärme… 😉 Daher sind wir in das Museum für Volkskunde gegangen. Dieses Museum ist absolut empfehlenswert. Anschaulich und lebensecht werden unterschiedliche Handwerke und Lebensweisen des vergangenen Brügge dargestellt wie zum Beispiel die Werkstatt eines Schuhmachers, eine alte Apotheke, eine alte Schule und für mich natürlich besonders interessant: eine Schneiderei sowie Ausstellungsstücke der Mode aus dem frühen 20. Jahrhundert. Als großer Katzenfreund war ich jedoch am meisten von der hauseigenen (etwas pummeligen) schwarzen Museumskatze begeistert. Unser Aufenthalt in dem Museum dauert auch schon deswegen so lange, da ich nicht aufhören konnte, die Katze zu kraulen und diese auch lautstarken Protest anmeldete, sobald wir uns von ihr entfernten 😉Staedtetrip_Bruegge_20 Staedtetrip_Bruegge_19

Nach diesem Besuch waren wir im „Museumsmodus”, weswegen wir direkt zur Jerusalemskirche weiterschlendert sind. Diese Kirche ist seit dem 15. Jahrhundert eine Privatkirche der Familie Adornes. Etwas spooky ist, dass mitten in der Kapelle das Grabmal des Erbauers Anselmus Adornos und seiner Ehefrau Margareta steht sowie unter dem erhöhten Chor eine Rekonstruktion des Grabes Jesu Christi… sehr viele Tote also 😉 Um uns von diesem „Schock” zu erholen, sind wir dem Café-Tipp unserer Hotelbesitzerin gefolgt, da wir eh gerade in der Nähe waren, und sind ins „Vlissinghe” gegangen. Diese Kneipe / Café steht nun schon seit genau 500 Jahren in der Blekersstraat und ist an Gemütlichkeit und Urigkeit nicht zu toppen. Alle Gäste sitzen an langen Tafeln, auf alten, schweren Lederstühlen, so kommt man schnell mit seinem Gegenüber und Tischnachbarn ins Gespräch. So unterhielten wir uns schnell in einem lustigen Kauderwelsch-Englisch mit Engländern, Franzosen und Niederländern – an einem großen Tisch in Belgien. Mehr Europa geht doch schon fast gar nicht, oder? 😉 Da wir doch auch schon wieder recht durchgefroren waren, freuten wir uns über den alten gusseisernen Ofen, dessen Wärme – und vielleicht das Hausbier… – uns bald rosige rote Wangen bescherte.Staedtetrip_Bruegge_6

So schön aufgewärmt ließen wir uns noch von dem fantastischen Anblick des Jan van Eyckplein überwältigen. Diesen Anblick von Brügge erfuhren damals auch die Besucher, die mit ihren Booten in die Stadt kamen, als Erstes und waren davon ähnlich geflasht wie wir jetzt noch 500 bis 600 Jahre später. Geflasht sein ist vielleicht auch generell die beste Beschreibung, die mein Freund und ich das gesamte Wochenende während unseres Brügge-Aufenthaltes hatten. Selbst in den nicht gerade touristischen Ecken ist die Stadt wunderschön, was aber eben auch hauptsächlich daran liegt, das fast alle Häuser aus dem Mittelalter stammen und ich auf jeden Fall jedes einzelne Häuschen niedlich und fotografierenswert hielt. Dann waren wir geflasht von den vielen Touristen, die wirklich busweise in die Stadt gebracht werden und uns leider am Samstag, als wir gegen späten Nachmittag wieder mehr in das Zentrum gekommen sind, dazu gebracht haben, erstmal zurück ins Hotel zu gehen, da es uns zu voll war. Ebenfalls geflasht waren wir von den teuren Essenspreisen. So viel habe ich teilweise noch nicht mal in Stockholm oder Paris für Essen ausgegeben – und diese Städte stehen auf der Low-Budget-Liste der Citytrips ja jetzt auch nicht an oberster Stelle.Staedtetrip_Bruegge_7

Trotz dieser letzten beiden vielleicht eher negativen Punkte, kann ich Euch einen Besuch in Brügge nur empfehlen. Vor allem, wenn ihr nicht viel Zeit für einen Citytrip habt. Viele kommen auch während einer Flandern-Tour nach Brügge und reisen noch nach Antwerpen und Gent. Macht Euch Euer eigenes Bild von Brügge und gebt mir hinterher gute Tipps für vegetarische Restaurants! 😉

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Heike
Autor

Heike

Heike wohnt ebenfalls im schönen Münster, obwohl sie immer dachte, dass es für sie nach dem Studiumsende hinaus in die große weite Welt geht. Doch dann passierte das, was man das Leben nennt und nun lebt sie glücklich und zufrieden mit ihrem Freund und ihrer kleinen Tochter in einem Vorort Münsters. Ländliche Idylle statt Großstadtdschungel. Den bereist sie jetzt nur noch, wenn sie ihre Freunde in ganz Deutschland besucht und dafür gerne nach Hamburg, Berlin, oder München jettet. In Münster trifft sie sich gerne mit Freunden in den vielen kleinen Cafés und ist hier auch immer auf der Suche nach neuen Kaffee-trink-Locations. Außerdem kennt sie seit der Geburt ihrer Tochter auch sämtliche Spielplatz-Hotspots der Stadt und weiß, in welchem Restaurant die Kellner besonders kinderfreundlich sind ;-) Als Working-Mum versucht sie jetzt Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen und freut sich auf diese neue Herausforderung.

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Ein Kommentar

  1. Hi,

    Städtetrips sind wirklich super und können auch mit Kindern jede Menge Spaß machen. Man muss nur richtig organisieren und interessante Ausflüge machen. Wir waren z. B. zu Ostern in München und es hat auch den Kindern Spaß gemacht.

    LG

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