Mama-Streit: Dürfen Kinder selbst entscheiden, was sie anziehen?

26. November 2014

Katharina The Nachtsheim Session - Part One12.2.2014@ Niels Starnick

An einem ganz normalen Morgen muss ich vier Menschen anziehen: Die beiden Kinder, mich selbst und bei meinem Mann sorge ich immerhin für die gebügelten Hemden. Das ist schon anstrengend. Aber ich will mir gar nicht vorstellen, wie viel Nerven es mich kosten würde, müsste ich morgens noch mit den Kindern darüber diskutieren, ob es heute zu kalt für die Pünktchen-Bluse ist oder welche Socken angezogen werden. Daher habe ich mich entschieden, dass meine Kinder beim Thema Klamotten noch kein Mitspracherecht haben. Da ich glaube, dass sie sich erst zu Beginn der Pubertät durch Kleidung ausdrücken und abgrenzen, ziehen sie bis dahin an, was ich sage. Warum? Weil ich generell kein Freund von zu vielen Diskussionen bin. Ich höre ich ihnen zu, wenn sie Kummer haben, wenn sie von ihrem Tag im Kindergarten erzählen wollen, erkläre ihnen, wieso im Herbst die Blätter von den Bäumen fallen. Aber: ich diskutiere mich nicht quer durch unseren Alltag. Gegessen wird, was ich gekocht habe. Sie gehen schlafen, wenn es Zeit dafür ist. Und sie ziehen an, was für die Temperatur und den Anlass angemessen ist. Daher nehme ich sie auch nicht mit, wenn ich Klamotten einkaufen gehe. Weil wir dadurch erst gar nicht in die Situation kommen, darüber zu streiten, ob ich den Glitzerpulli mit Pferdestickerei wirklich kaufen muss. Natürlich weiß ich, welche Farben und Muster meine Kinder mögen. Und natürlich orientiere ich mich daran. Aber da ich bezahle, habe ich die letzte Entscheidungshoheit. Und kaufe eben keinen Glitzerpulli mit Pferdestickerei. Ich habe Freundinnen, die jeden Morgen Ärger wegen der Klamottenfrage haben. Es gibt Tränen, Gebrüll, Drohen und Schimpfen. Das gibt es bei uns nie. Weil “Was ziehe ich an?” kein Thema ist, ich nie ein Thema draus gemacht habe. Ich hole die Kleidung aus den Schränken und ziehe sie den Kindern an. Ganz einfach. Ich weiß, das wird nicht für immer so gehen. Aber ich hoffe – meinen Nerven zuliebe – noch ein Weilchen.

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Es ist ja so: Pippi Langstrumpf trägt immer verschiedene Socken und Strumpfband und das sieht durcheinander aus – aber wir alle finden sie süß und super. Nun ist es ja aber so, dass Pippi Langstrumpf auch mit den Füßen auf dem Kopfkissen schläft, so gut wie nie zur Schule geht und ein Pferd auf ihrer Veranda stehen hat und spätestens ab hier finden das – zumindest wenn sie es sich in der Realität vorstellen – wahrscheinlich die meisten nicht mehr so witzig. Pippi Langstrumpf hat keine Eltern, die ihr sagen, was sie zu tun hat. Also macht sie es, wie sie denkt. Das gilt eben auch für ihre Kleidungs-Auswahl. Es ist nicht so, dass meine Kinder alles selbst entscheiden dürfen, zur Schule zum Beispiel müssen sie. Aber die Frage nach blauen oder grünen Socken, die dürfen sie sich sehr wohl selbst beantworten. Denn erstens besteht in dieser Frage keine Lebensgefahr – wie zum Beispiel bei der Diskussion ums Anschnallen oder nicht. Zweitens besteht nicht die Gefahr eines Rechtsbruchs – wie bei der Frage, ob sie zur Schule gehen oder nicht. Und drittens lässt sich über Geschmack zwar bekanntlich streiten, aber es schult die kleinen Menschen doch ungemein, wenn sie merken, was sie mit ihrer Außendarstellung bewirken. Ich finde Selbstbewusstsein wichtig und wie, wenn nicht in einer solch harmlosen Frage wie der des Anziehens, sollen sie dieses vernünftig entwickeln? Also durfte mein kleiner zweijähriger Sohn mit Nagellack zur Kita. Mit rotem. Also durfte er mit Zöpfchen zur Kita, geflochten. Also durfte er auch mit Röckchen zur Kita. Von der Schwester. Und als ihm das zu langweilig wurde, trug er wieder Jeans. „Mit Jackett“, wie er sagt, wenn er ein Oberhemd mit Kragen meint. Wer seine Socken nicht zusammenlegt, der trägt verschiedene. Das fällt auf, seit unsere Kinder zur Schule gehen, zum Beispiel im Sportunterricht. Man glaubt gar nicht, wie sehr sie plötzlich auf ihre Socken aufpassen können, denn nichts ist peinlicher, als eine rote und eine blaue Socke, wenn man grad Erstklässler geworden ist! Wie schön, wenn sie das selber merken ohne dass ich mit erhobenem Zeigefinger hinter ihnen stehen muss. Trotzdem muss ich natürlich auch Dinge ertragen. Die bunt gestreifte Leggings unter dem senfgelben Motivpulli. Ich gebe zu: Ganz manchmal sage ich dann schon, dass vielleicht das einfarbige Shirt besser zur Leggins passen würde. Ob das dann geändert wird: Nicht meine Sache. Es geht ja schließlich nicht um Lebensgefahr oder Rechtsbruch. Und am Ende zahle ja auch immer noch ich im Bekleidungsgeschäft. Und zwar nur das, was halbwegs meine Augen schont. Auch wenn es in der Kombination mit anderem manchmal in meiner Wahrnehmung zu knirschen beginnt. Pippi Langstrumpf lässt grüßen.

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Was meint Ihr? Dürfen Eure Kinder selbst bestimmen, was Sie anziehen?

 

Kennt Ihr schon den Mama-Streit aus dem vergangenen Monat? Lest hier, ob es ok ist, Halloween zu feiern.

Titelbild © Krikelakrak by Nicky Pollmeier

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Katharina
Autor

Katharina und Lisa

Als drittes von fünf Kindern war Katharina immer klar: Sie will selbst auch eine große Familie haben. Mhhhh - doch dann kam zuerst das Studium, eine Ausbildung und schwupps war sie Ende 20, als ihre Tochter geboren wurde. Heute ist sie, Katharina, 33. Im Januar kam Baby Nr. 2 , der Traum von der Großfamilie besteht immer noch. Und weil die ja nicht nur von Luft und Liebe leben kann, arbeite sie als Journalistin mit Themenschwerpunkt... genau: Familie. Lisa ist 32 und beschäftigt sich, seit sie Mutter dreier Kinder ist, natürlich oft und viel mit Familienthemen. Um nicht ihrem gesamten Freundeskreis mit Kinder-Anekdoten zu nerven, schreibt sie in vielen Ecken und Enden des Internets darüber, z.B. bei www.nusenblaten.de oder www.stadtlandmama.de. Mit Kindern, Mann, Großeltern und vielen Tieren lebt sie direkt am Waldrand. Ihre eigene Kindheit verbrachte sie vor allem auf dem Fußballplatz, auf dem ihr Bruder kickte, während sie mit dem Einrad drumherum kurvte... Gemeinsam schreiben Katharina und Lisa unsere Kolumne "Mama-Streit".

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4 Kommentare

  1. Sandra mit Joana

    Meine Tochter wird im Dezember 2 1/2. Sie sucht jetzt schon von sich aus allein im Geschäft Klamotten aus, sowie zu Hause aus dem Schrank. Ohne das ich frag wie sie xyz findet oder ob sie xyz anziehn mag. Ich finde es nicht schlimm, sondern erfreue mich viel mehr an ihrer Selbstständigkeit 🙂 klar passt nicht immer alles gut zusammen, aber bei Kindern ist da ja dann eher niedlich und gar nicht schlimm

  2. Meine tochter ist drei und zieht sich seit ca einem halben jahr komplett selbstständig an… manchmal wollte sie nicht, obwohl sie es ja kann. Bei uns gibt’s die “regel” wenn sich sich selbst anzieht, darf sie entscheiden – wenn ich sie anziehe, entscheide ich. Natürlich läuft sie jetzt auch oft kunterbunt gekleidet herum, aber meistens siehts echt toll aus. Hab mir angewöhnt mich einzumischen. Ich muss eh in so vielen dingen meinen senf dazugeben, beim anziehen spar ich mir das und schone wenigstens hier meine Nerven 🙂

  3. Von der Optik bin ich voll dafür, allerdings können Kinder das Wetter und Temperaturen oft nicht gut einschätzen. Die würden im Winter auch ohne Skijacke für Kinder rausgehen und spielen wollen. Da sollte man schon ein Auge drauf haben.

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